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Neurologie & Psychiatrie

Anfallsleiden, zerebrale (Kind): Diagnose

Anfallsleiden, zerebrale (Kind)

Definition

Chronisch-rezidivierende Krampfanfälle, die durch zerebrale Funktionsstörungen hervorgerufen werden. 

Häufigkeit
  • Epilepsiemorbidität bei Kindern ca. 0,5%
  • Mindestens einmaliger Gelegenheitskrampf bei 4-5% aller Kinder (meist Infektkrämpfe, s. dort)
Einteilung nach der Ätiologie
  • Genuine (idiopathische) Epilepsie
  • Symptomatische Epilepsie (Krampfanfälle als Folge einer chronischen Erkrankung des Gesamtorganismus oder des Gehirns)
Einteilung nach der Symptomatik s. unter Symptome

Ätiopathogenese
  • Genetische und konstitutionelle Faktoren
  • Hirnorganische Defektzustände: z. B. nach Trauma, Asphyxie, Hirnblutung, Meningitis, Enzephalitis, Kernikterus, schweren Hypoglykämien etc.
  • Hirnmissbildungen, Phakomatosen, Missbildungen zerebraler Gefäße
  • Komplexe Syndrome und chromosomale Aberrationen: z. B. Klinefelter-Syndrom, Triple-x-Syndrom etc.
  • Degenerative Hirnerkrankungen: z. B. Neurolipidosen, diffuse Hirnsklerosen etc.
Anamnese
  • Anfallsart, -dauer, -zeitpunkt und -frequenz; Begleitsymptome (Aura, Initialschrei, Nachschlaf, Einnässen etc.)
  • Auslösende Faktoren (Schlafentzug, Fernsehen, Aufregung etc.)
  • Bisheriger Verlauf der Epilepsie (Zeitpunkt des Beginns, alterstypische Krampfanfälle, antikonvulsive Behandlungen etc.)
  • Perinatalanamnese, psychomotorische Entwicklung
  • Frühere zerebrale Affektionen (Hirnblutung, Trauma, Enzephalitis etc.)
  • Familienanamnese
Symptome

Primär generalisierte Anfälle

Grand mal

Ohne Aura auftretender Bewusstseinsverlust mit tonisch-klonischen Krämpfen, oft verbunden mit Speicheln, Einnässen und Nachschlaf; häufig nach Erwachen aus dem Schlaf

Petit mal(altersgebunden)
  • Myoklonisch-astatische Form (Kleinkind): plötzliches Hinstürzen, Einknicken, Taumeln, Gesichtsmyoklonien, ohne Bewusstseinsverlust
  • Absencen (Schulkind): Sekunden währendes "Wegtreten", oft verbunden mit Myoklonien, Automatismen, Einnässen
  • Impulsiv-Petit mal (Jugendliche): salvenartiges Kopf-Schulter-Arm-Schleudern ohne Bewusstseinsverlust

Fokale Anfälle

  • Motorische Herdanfälle
  • Fokale Myoklonien oder tonische Verkrampfungen, evtl. mit Ausbreitungstendenz
  • Halb-Seiten-Anfälle
  • Klonische Krämpfe mit Bewusstseinsverlust, Generalisierungstendenz
  • Adversiv-Anfälle (im Kindesalter sehr selten)
  • Sensible und sensorische Herdanfälle (im Kindesalter sehr selten)
  • Psychomotorische Anfälle
  • Nach Aura (Angstgefühl, vegetative Symptome) paroxysmale Eintrübung unterschiedlichen Grades mit langsamem Erwachen; bei Kleinkindern Absence-ähnlich, bei älteren Kindern oft mit motorischen Automatismen

Generalisierte Anfälle fokaler und multifokaler Genese (oft nach zerebraler Vorschädigung)

  • Sekundäres Grand mal fokaler Genese
  • Meist nach Aura tonisch-klonische Anfälle, oft im Schlaf
  • BNS-Krämpfe (Säugling), schreckhaft anmutendes, sekundenschnelles Vorwerfen der Extremitäten unter gleichzeitigem Kopf- und Rumpfbeugen; manchmal Verharren in tonischem Krampf
  • Lennox-Syndrom (Kleinkind)
  • Myoklonisch-astatisches Petit mal, typischerweise Hinschlagen mit Verletzungsfolge

Amorphe Säuglingskrämpfe

Bei jungen Säuglingen mit noch unreifen Hirnstrukturen sehr variable Symptomatik wie

  • Atemdepression,
  • orale Automatismen,
  • seitliche Blickwendung,
  • generalisierte Tonusverminderung,
  • tonisch-klonische Krämpfe mit rasch wechselnder Seitenbetonung

Unklassifizierbare Anfälle

Meist bei schweren fortgeschrittenen Epilepsien; atypisch kombinierte Symptome, z. B. Absencen mit fokaler und psychomotorischer Symptomatik

Reflex-Epilepsien

Durch äußere Reize (meist photogen, auch taktil, audiogen etc.) ausgelöste Anfallssymptomatik; meist Absencen, Myoklonien oder Grand-mal-Anfälle

Allgemeine Diagnostik
  • Eingehende neurologische Untersuchung, Fundoskopie
  • EEG (wichtig für Klassifikation, da verschiedene Anfallsarten oft mit typischen EEG-Veränderungen verbunden sind), evtl. mit Provokation (Schlafentzug, optische Reize)
  • Allgemeine Laboruntersuchungen (Blutbild, Elektrolyte, Blutzucker etc.)
Spezielle Diagnostik (abhängig von Anfallsart, Anamnese etc.)
  • Bildgebende Untersuchungen (Schädelsonographie, CCT, kraniales NMR etc.)
  • Lumbalpunktion
  • Spezielle Laboruntersuchungen (z. B. Serologie intrauterin übertragbarer Krankheiten, lysosomale Enzyme, Aminosäuren im Serum etc.)
  • EKG
Differentialdiagnosen
  • Infektkrämpfe (s. dort)
  • Sonstige Gelegenheitskrämpfe (z. B. ZNS-Infektionen, Schädel-Hirntraumen, Hirnblutungen, zerebrale Raumforderungen, Stoffwechsel- und Elektrolytstörungen etc.)
  • Synkopen (vago-vasal, orthostatisch, "Reflexsynkopen" bei Schrecksituationen)
  • Affektkrämpfe (meist nach initialem Schreien oder Luftanhalten bei unlustbetonten Ereignissen)
  • Pavor nocturnus (nächtliche Angstzustände kleiner Kinder)
  • Migraine accompagné mit fokaler Symptomatik
  • Hysterische Anfälle (vor allem bei Schulkindern und jungen Mädchen)
  • Nervöse Ticks, Spasmus nutans


Komplikationen

Akut:

Bei Status epilepticus und prolongierten Einzelanfällen Gefahr der zerebralen Hypoxie und des Hirnödems, manchmal lebensbedrohliche Situation!

Chronisch:

Durch iktogenen Hirnschaden transitorische oder bleibende neurologische Störungen (z. B. Lähmungen), mentale und intellektuelle Defekte oder Verhaltensstörungen
(cave: medikamentös bedingte "Pseudodemenz"!)

Prognose
  • Unter anderem abhängig von zerebraler Vorschädigung und Anfallsart
  • Schlecht bei primär generalisierten Grand-mal-Anfällen mit Beginn im Kleinkindalter, BNS-Krämpfen, Lennox-Syndrom

 

Merke
  • Bei Säuglingen oft atypischer, abortiver Anfallsverlauf
  • Im Kindesalter physiologischerweise niedrige Krampfschwelle, deshalb symptomatische Krämpfe häufiger als im Erwachsenenalter
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Letztes Update:25 Februar, 2009 - 13:33